Gemeinsam für Wesel

Interview mit Wesels Bürgermeisterin Ulrike Westkamp

Hat sich das Amt verändert, Frau Westkamp?

RP Online 2. Januar 2019

Ulrike Westkamp

 

Wesel Ein Gespräch zum Jahreswechsel mit Wesels Stadtchefin – über das Bürgermeisteramt und ihr neues Privatleben. Von Sebastian Peters.

Wir treffen eine entspannte Weseler Bürgermeisterin am Ende des Jahres. Ulrike Westkamp hat  angekündigt, ihr Amt noch eine weitere Legislaturperiode ausüben zu wollen. Sie ist schon heute in der Nachkriegszeit die Rekordbürgermeisterin von Wesel. Länger als sie war keine (auch keiner!) im Amt. Ein Gespräch über ihre Rolle als Frau in einer Männerbürgermeisterwelt und die Freude am Job.

Zur Person: Das ist Wesels Bürgermeisterin

Schule 1966 bis 1978 zuletzt Städtisches Gymnasium Wesel-Mitte.

Studium 1978 bis 1987 Politischen Wissenschaft, Soziologie und Pädagogik; Studium der Verwaltungswissenschaften an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer
Berufliche Laufbahn 1987 bis 1991 Pädagogische Mitarbeiterin  an der Akademie Klausenhof Dingden; 1992 bis 2004  Bundesanstalt für Arbeit; 1993 bis 1998 Lehraufträge an der Universität Trier; seit 2004 Bürgermeisterin der Stadt Wesel
Privat verheiratet mit Helmut Westkamp, wohnhaft in Wesel

Westkamp Das hat sich auch bei uns verändert. Vor einigen Jahren kehrte nach der letzten Ratssitzung Ruhe ein, aber eigentlich schon seit einigen Jahren kehrt auch bei uns dann Stress ein. Es gibt eine Verdichtung, das hat nicht zuletzt auch mit Ihnen als Medien zu tun, auch mit sozialen Medien und der Möglichkeit, immer und überall erreichbar zu sein.

Sie sind selbst bei Facebook nicht präsent. Ist die eben attestierte Verdichtung ein Grund?

Westkamp Vom Gefühl her passt das nicht. Man kann mich gut immer und überall erreichen, bei Emails bin ich sehr zügig im Reagieren. Das reicht aus. Meine Freundinnen versuchen mich schon länger immer zu überreden, in Whatsapp zu gehen. Wenn dann im Freundinnenkreis Fotos geschickt werden, dann bekomme ich davon nichts mit. Mal sehen, wie ich auf diesen Wunsch reagiere.

Wie haben Sie die Weihnachtstage verbracht, wie den Jahreswechsel.

Westkamp Ganz klassisch, mit Besuchen bei meiner Mutter, bei Verwandten. Mein Mann und ich sind über Weihnachten familiär sehr eingebunden, was wir sehr lieben. Silvester verbringen wir immer mit Freunden.

Sie würden, wenn Sie erneut gewählt werden, 2020 in Ihre vierte Amtszeit gehen. Sie sind schon jetzt nach dem Zweiten Weltkrieg die Bürgermeisterin mit der längsten Amtszeit.

Westkamp (lächelt) Die Bürgermeisterin sowieso. Es gab vor mir keine weibliche Stadtchefin.

Und vor dem Zweiten Weltkrieg?

Westkamp So genau messe ich das nicht. Ludwig Poppelbaum (Amtszeit von 1903 bis 1931, Anm. d. Red.) hat sehr lange diese Stadt regiert, ihn werde ich nicht einholen.

Was macht für Sie die Freude am Amt noch aus?

Westkamp Der intensive Kontakt zu Menschen, man kann auch im Kleinen oft helfen, beispielsweise in Bürgersprechstunden, die ich im Rathaus regelmäßig anbiete. Wir haben natürlich auch viele Gestaltungsmöglichkeiten in Wesel, sind in den vergangenen Jahren gut vorangekommen. Ich komme aus Wesel, von daher bin ich mit Herzblut dabei.

Geboren sind Sie aber in Haldern, wie man ihrer Biografie entnehmen kann.

Westkamp Das fragen die Menschen mich öfter. Ich habe aber nie in Haldern gelebt, dort war nur das Krankenhaus, dort wurde ich angemeldet. Das Krankenhaus lag damals mitten im Dorf, ein Gynäkologe aus Wesel hatte damals Belegbetten im dortigen Krankenhaus, deshalb sind viele Kinder meiner Zeit aus Wesel in Haldern geboren worden.

in Blick zurück: Wie hat sich Ihr Amt seit 2004 verändert?

Westkamp Die Digitalisierung verändert auch bei uns alles. Als ich 2004 das erste Mal antrat, da war ich die einzige, die sich auch digital präsentierte, mit Internetseite. Das war damals noch ungewöhnlich. Seitdem schreitet die Digitalisierung mit großen Schritten voran, es wird immer schnellere Reaktionszeit verlangt. Manchmal finde ich aber, dass man lieber einmal mehr als weniger nachdenkt, nicht so schnell was raushaut.

Digitalisierung trifft auch den Einzelhandel. Wo kauft die Bürgermeisterin gerne ein?

Westkamp Meist in Wesel, Einkauf im Internet lehne ich ab. Jeder kann mit seinem Einkauf dem Handel vor Ort helfen. Ich bin auch ein Typ, der haptisch einen Eindruck von Dingen erhalten möchte, die er erwirbt.

Wenn Sie durch die Fußgängerzone vom Dom zum Berliner Tor laufen, wie oft werden Sie angehalten?

Westkamp Man trifft schon viele Menschen, aber das ist ja das Schöne an einer solchen Stadt wie Wesel. Sie ist nicht anonym.

Woraus schöpfen Sie Kraft, woher bekommen Sie Ausgleich. Man kann nicht immer Bürgermeisterin sein.

Westkamp Für Familie und Freunde nehme ich mir viel Zeit. Beziehungen pflegt man auch durch gemeinsam verbrachte Zeit. Und mein Ehemann ist ja seit einiger Zeit nicht mehr auswärts tätig. Das war eine Veränderung für uns, seitdem er nicht mehr beim Agentur für Arbeit tätig ist. Er war in den vergangenen Jahren überall, Hamburg, Bonn, Schwerin, Frankfurt, Lörrach, Bremen. Wir haben all die Jahre eine Wochenendbeziehung geführt. Dass wir nun seit eineinhalb Jahren mehr gemeinsame Zeit verbringen, ist sehr schön. Er ist aber weiter sehr agil, er macht viel.

Man sieht ihn nun auch öfter in Ratssitzungen. Wird beim Frühstück oder am Abendbrottisch über Politik diskutiert, fragt er nach?

Westkamp Durchaus. Mein Mann hat eine ausgeprägte Meinung zu den Dingen. Wenn ihn etwas interessiert, dann kommt er in den Rat. Ich weiß davon aber vorher nichts, er sagt mir nichts. Das war am Anfang ungewohnt.

Sie führen Ihr Amt sehr resolut, auch in der Ansprache an die Politik. Man merkt, dass Sie in diesem Amt Disziplin in den Laden bringen wollen.

Westkamp Wir haben einen lebhaften Stadtrat, was ich gut finde. Das geht aber nur, indem die Leitung stringent ist. Ich kann mich gut an einen Tag vor zehn Jahren erinnern, da war Herr Spellmanns noch Fraktionschef der CDU. An dem Tag fühlte ich mich nicht so gut. Er hat mich dann hinterher gefragt: „Was war denn mit Ihnen los? Sie waren heute so nachsichtig mit uns.“ Es fiel also auf, dass ich nicht so resolut auftrat. Das fand ich lustig. Auf Dauer kann man solche Sitzungen nur vernünftig und zielorientiert führen kann, indem die Führung klar ist.

ie scheuen sich nicht, auch den Fraktionschef Ihrer eigenen Partei zu ermahnen.

Westkamp Herr Hovest ist ein Ratsmitglied wie alle anderen auch. Alle müssen sich an die Regeln halten.

Manche Leute sagen Ihnen nach, dass Sie von Herrn Hovest abhängig seien.

Westkamp Diesen Satz höre ich seit vielen Jahren.

Stört er Sie?

Westkamp Er ist mir egal. Ich bin Bürgermeisterin für alle, ich habe mein Amt entsprechend zu führen. Da achte ich genau drauf.

Wie ist Ihre Verbindung zu den anderen Bürgermeistern im Kreis Wesel, unter den 13 sind Sie die einzige Frau.

Westkamp Wir haben regelmäßig unsere Bürgermeisterkonferenz im Kreis Wesel. Bei Themen wie Betuwe tauschen wir uns auch informell aus, rufen auch an. Als ich anfing, war Sabine Weiss Bürgermeisterin in Dinslaken, ich war die zweite Frau. Sabine Weiss ist mittlerweile in den Bundestag gewechselt. Ich bin verblieben.

Wir leben im 21. Jahrhundert, und dennoch muss man angesichts der Realität im Kreis Wesel die Frage noch stellen: Wie behauptet man sich als Frau in einer Männerbürgermeisterwelt?

Westkamp Gut. Wir kennen uns jetzt ja schon einige Jahre untereinander. Ich bin kein Kind von Traurigkeit, auch nicht schüchtern. Ich kann mir in dieser Runde auch einiges erlauben, weil ich die einzige Frau bin. Ich kann gut meine Meinung sagen und vertreten.

Wenn Sie etwas sagen, ist es dann für Sie in der Männerrunde einfacher?

Westkamp Nein, das nicht. Es wird intensiv inhaltlich diskutiert. Aber weil wir als Wesel Kreisstadt sind, drittgrößte Stadt im Kreisgebiet, hat unser Weseler Wort durchaus Gewicht.

Ist Ihnen wichtiger an einem gewissen Punkt, parteiübergreifende Bürgermeisterin zu sein oder wollen Sie als SPD-Bürgermeisterin wahrgenommen werden?

Westkamp Ich verstehe mein Amt grundsätzlich als parteiübergreifend, aber ich habe gewisse Einstellungen, zum Beispiel im sozialen Bereich. Das korrespondiert natürlich mit einer Partei mehr als mit einer anderen Partei.

Was bedeutet Ihnen der Glaube in Ihrem Amt, hilft er?

Westkamp (zögert) Ich bin Mitglied der katholischen Kirche, ganz bewusst. Meine ersten Berufsjahre habe ich an der Akademie Klausenhof verbracht und die Arbeit war geprägt von einer Einstellung. Das fand ich gut. Wenn ich mir heute die Arbeit der Kirchen – im Plural – anschaue, dann finde ich wichtig, dass die Kirchen im sozialen Bereich tätig sind. Das schätze ich an der Arbeit der Kirchen.

Womit Sie noch nichts genau gesagt haben über Ihre persönliche Beziehung zur Kirche.

Westkamp Aber daraus, dass ich Mitglied der katholischen Kirche bin, kann man Ableitungen treffen.

Die Kirche nimmt offensiv auch in der Flüchtlingspolitik eine christliche Position ein. Wie beobachten Sie diese Entwicklung in Deutschland.

Westkamp Beim Thema Flüchtlinge hat sich einiges anders entwickelt, als wir das vor der Kommunalwahl 2014 eingeschätzt haben. 2014 war noch sechs Prozent in Wesel mit Zuwanderungsgeschichte, jetzt sind es neun Prozent.

Hat sich Ihre Einstellung zum Thema Flüchtlingspolitik verändert? Die Entscheidung der Kanzlerin, temporär die Grenzen zu öffnen, hat dieses Land verändert.

Westkamp Ich fand es damals nicht gut, wie entschieden wurde. Das war eine ganz ungeordnete Zuwanderung, es ist zuvor jahrelang darüber gesprochen worden, dann wurde von der Bundesregierung recht spontan entschieden. Wir haben es in Wesel geschafft, die Flüchtlinge aufzunehmen, auch unter großer Mitwirkung der Bevölkerung. Das aber war die konkrete Hilfe, das hat mit strukturierter Einwanderung nichts zu tun Von daher fand ich es nicht gut, wie damals reagiert wurde.

Haben Sie das auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle 2015 auch schon so offensiv geäußert?

Westkamp Damals waren wir so beschäftigt, die Situation zu bewältigen, dass das unser Thema war. Aber das war meine Meinung von Anfang an. Es gab in Düsseldorf ständig Zusammenkünfte, ich bin im Präsidium des Städte- und Gemeindebundes. Da haben wir häufig zusammengesessen und diskutiert. Klar ist: Wir brauchen allein schon aus Gründen des Fachkräftemangels Einwanderung, wir brauchen Menschen, die sich hier gut integrieren.

Welches sind die Themen, die nun für die Stadt im Bezug auf Integration wichtig werden?

Westkamp Großes Thema sind Sprachkurse: Die VHS arbeitet hier hervorragend, hat sehr viele Sprachkurse angeboten. Großes Thema wird auch sein, bezahlbaren Wohnraum für alle Menschen in der Stadt zu schaffen, nicht nur für Flüchtlinge. Das ist nicht mehr im öffentlichen Bewusstsein, aber die Verwaltung arbeiten intensiv daran.